Aire Libre – zurück zu den Wurzeln

von Kate Carter

 

Die Idee entstand – wie alle guten Ideen – beim Laufen. Zwei Freunde, Manuel Morato und Mau Diaz, planten ein Abenteuer. Manuel hatte Dean Karnazes Kultklassiker Ultramarathon Man gelesen – ein Buch, das vermutlich für einige verrückte Abenteuer verantwortlich ist. Er hatte beschlossen, ohne Unterbrechung von seiner Heimatstadt im Norden Mexikos bis zur Küste zu laufen.

 

Der direkte Weg wäre entlang der Autobahn gewesen, aber ein Nonstop-Lauf über 100 km entlang einer Asphaltstraße erschien nicht sehr verlockend. Stattdessen beschlossen die Läufer, die Sonora-Wüste zu durchqueren, entlang der Sea of Cortez. Diese schwierige Reise würde sie durch das Land der einheimischen Seri führen, und anstatt es einfach nur zu durchqueren, wollten sie eine Verbindung herstellen und ihren Respekt gegenüber dieser Gemeinde zeigen – und die Erlaubnis einholen, im Land der Seri zu laufen. Natürlich wollten sie ihre Reise auch dokumentieren, um andere für Abenteuer und einen gesunden Lifestyle zu motivieren, aber die Idee umfasste nicht nur hübsche Fotos und eine Dosis Endorphine. Was sie suchten, war ein Sinn der Wiederherstellung der Verbindung mit einem einfacheren Leben. Das Projekt, das von

null

"Das Team hilft Menschen dabei, eine Verbindung zu einem tieferen Sinn für Landschaft herzustellen. Zu etwas, das größer ist als sie selbst."

Creative Director und Mitbegründer des Projekts Daniel Almazán Klinckwort dokumentiert wurde, war ein großer Erfolg in Hinblick auf Metriken, die heutzutage von großer Bedeutung sind: Treffer, Kicks, Begeisterung in den sozialen Medien. Aber das waren in Wirklichkeit nur nette Nebeneffekte. Etwas viel Grundlegenderes geschah mit den Läufern selbst, wie Daniel von Mexiko-Stadt aus, seinem Zuhause, erklärt: „Ich glaube, uns ist allen die Stärke des Laufens als Möglichkeit bewusst geworden, eine Verbindung zu der primitiveren Seite von uns, die von unseren Vorfahren abstammt, herzustellen.”

 

Aus dieser Erkenntnis entstand Aire Libre. Das Team wollte nicht nur seine eigenen Abenteuer planen, sondern andere mit auf die Reise nehmen. Dabei wollten sie Menschen helfen, mit einem intensiveren Sinn für Landschaft eine Verbindung zu etwas herzustellen, was größer ist als sie selbst. Natürlich sollten nicht alle Reisen solche extremen Distanzen umfassen, aber die Teilnehmer sollten ihre Komfortzonen hinter sich lassen und außerhalb der normalen Reiseziele für Touristen unterwegs sein, um Seite an Seite mit örtlichen Gemeinden in einer Partnerschaft zu arbeiten, die von Respekt und Verständnis geprägt ist. Dies zeichnete ein Bild von wirklich nachhaltigem Tourismus, bei dem die besuchenden Läufer ihre ständig vernetzten, schnelllebigen Umgebungen verlassen und – vorübergehend – ein viel einfacheres Leben führen.

null
null
null

Ein Jahr voller Planungen später, nahm das Team eine Gruppe von Läufern aus Kanada mit zu den Bergen von Oaxaca. Daniel erklärt: „Ich glaube, diese Läufe, bei denen wir mit den Gemeinden vor Ort eine Verbindung herstellten, hatten uns bereits verändert. Aber wir waren schon daran gewohnt. Als wir dann Menschen mitnahmen, für die das neu war, und beobachteten, welche Wirkung es auf sie hat ... Am Ende der Reise weinten sie und umarmten uns. Es war eine absolut lebensverändernde Erfahrung für sie. Da wurde uns klar, dass wir es mit etwas sehr Gewaltigem zu tun haben, das in so viele Leben übersetzt werden kann.”

 

Warum also Laufen? Schließlich sind auch abgelegene Gemeinden normalweise mit dem Auto zu erreichen. Wie Daniel erläutert, ist Laufen weit mehr als eine praktische Art und Weise, schnell viel Landschaft zu erleben – obwohl es das natürlich auch ist. In dieser primitivsten aller Sportarten ist etwas verankert, das das Erlebnis intensiviert. „Laufen hat diese Macht, uns zu sensibilisieren. Wir passen uns an die Frequenz des Orts an“, sinniert er. „Durch die Bewegung, die eigene körperliche Anstrengung, entsteht eine Verbindung mit der Energie der Umgebung. Es ist auch ein Gefühl der Demut. Man fährt nicht einfach nur vorbei – Laufen verbindet dich mit dem Ort, durch den du läufst, oder auf den du zuläufst.”

null
null

Das klingt vielleicht etwas mystisch und vage, aber den Skeptikern sei gesagt, dass es hierfür auch handfeste wissenschaftliche Beweise gibt. Untersuchungen des menschlichen Gehirns nach einem Ausdauerlauf haben gezeigt, dass bestimmte Regionen des Gehirns – die in Gedächtnis, Navigationsentscheidungen oder Selbstkontrolle involviert sind – aktiviert sind. Das würde man erwarten. Aber andere Regionen gehen in etwas wie einen Stand-by-Modus. Das sogenannte „Default Mode Network“ bezeichnet eine Gruppe von Gehirnregionen, die beim Nichtstun aktiv werden: wenn wir herumsitzen, trödeln, vielleicht uns über Vorkommnisse Gedanken machen oder deswegen beunruhigt sind und sie komplett überbewerten. Studien haben gezeigt, dass die Aktivität dieser Regionen beim Laufen unterdrückt wird. Die meisten Läufer werden die Wirkungen kennen, wenn auch nicht den Mechanismus: das Gefühl, wenn ein Lauf den Strudel der Gedanken beruhigt oder scheinbar unlösbare Knoten öffnet. Dann sind da noch die biochemischen Veränderungen in Gehirn und Körper. Die Endorphine, die durch Sport freigesetzt werden, oder – eine jüngst gemachte Entdeckung – die Endocannabinoide. Dabei handelt es sich um natürlich produzierte Transmitter, die dieselbe chemische Struktur haben und sich an dieselben Gehirnrezeptoren setzen wie THC, der Wirkstoff in Marihuana. Auch die Wirkung ist dieselbe: Schmerzlinderung, Stimmungsverbesserung ... das „Runner’s High“, nach dem wir alle streben.

 

Und so kann man komplexe, wissenschaftliche Artikel zu den Mechanismen studieren und mit Worten wie Neurogenese oder Wachstumsfaktor BNDF um sich werfen ... oder einfach die Wirkung erleben und sie als spirituelles Erlebnis einordnen. Beides ist möglich mit Aire Libre.

null
null

„Pilgerreisen sind ein wichtiger Bestandteil unserer Geschichte hier in Mexiko“, sinniert Daniel. „Ob religiöser Natur oder als Umherziehen innerhalb der Stämme – diese Form der Bewegung ist an sich schon eine Art, Respekt zu zeigen. Es bildet die Grundlage für den Zugang und die Verbindung zu einem Ort in einer demütigeren, tiefergehenden und respektvolleren Art und Weise. Wenn man sich umsieht, ist Laufen ein Bestandteil jeder Kultur, denn es gehört zu unserer Evolution als menschliche Rasse. Das können wir überall entdecken, wo auch immer wir hingehen. Das alles hat uns geholfen, Verbindungen zu Orten und zu Menschen herzustellen. Und sie sehen es auch: Wenn die Gemeinden sehen, was wir tun, öffnen sie sich. Sie haben einen Bezug dazu, denn sie kennen ihre eigene Geschichte und es ist eine sehr menschliche Verhaltensweise.“

 

Dieser Artikel erschien ursprünglich in einer Kollaboration von Like the Wind mit lululemon

https://www.likethewindmagazine.com/ @likethewindmag

 

Kate Carter ist Journalistin, Läuferin und Moderatorin und hält den Guinness Weltrekord als schnellster Panda in einem Marathon. www.themondaydebrief.com @katehelencarter Fotos von Daniel Almazan Klinckwort,Michael Dunn Caceres und Pixquel Das Team hilft Menschen dabei, eine Verbindung zu einem tieferen Sinn für Landschaft herzustellen. Zu etwas, das größer ist als sie selbst.